Getragen im Uterus – eine Fortsetzung
Kinder erleben in den ersten neun Monaten eine intensive Nähe zu ihrer Mutter. Diese Nähe und das damit verbundene Gefühl der Geborgenheit kann mit dem Tragen nach der Geburt fortgesetzt werden – nicht nur durch die Mutter, sondern auch durch den Vater.
Viele Eltern haben keine Kenntnisse rund um das Thema „Tragen“ oder stehen dem Tragen eher skeptisch gegenüber. Gerade der Einwand des Verwöhnens des Kindes ist tief verankert in den Einstellungen der werdenden und jungen Eltern. Dem möchte ich durch Aufklärung anhand von wissenschaftlichen Fakten entgegenwirken. Ansetzen möchte ich dabei möglichst früh – bereits in der Schwangerschaft.
Warum sollten Babys getragen werden?
Auf den Punkt gebracht: Das Baby erhält die nötige Portion Nähe und Geborgenheit, während die Eltern die Hände für anderes frei haben. Dieser enge Körperkontakt trägt zum Aufbau einer emotionalen und vertrauensvollen Beziehung. Es entsteht eine tragfähige Eltern-Kind-Bindung.
Doch schauen wir uns dazu die Hintergründe von der wissenschaftlichen Seite und von der sozialen Seite, genauer an, die erläutern, warum es sinnvoll und gut ist, Babys zu tragen.
Alte Erkenntnisse
In traditionellen Gesellschaften, die teils noch ähnlich leben wie zu Zeiten der Jäger und Sammler, steht ein Säugling fast ununterbrochen in Körperkontakt mit einer ihm vertrauten Person. Das ist keineswegs immer die Mutter…
In diesen Gesellschaften hört man kaum ein Baby weinen, da Unruhe oder Aufweinen sofort mit adäquaten Beruhigungsmaßnahmen beantwortet werden.
Was sagt die Verhaltensbiologie?
Betrachtet man unterschiedliche Säugetiergruppen, so fallen große Unterschiede in den Fähigkeiten des Neugeborenen auf:
Nestflüchter
sehen wie Miniaturausgaben ihrer Eltern aus, sind vollständig behaart, werden mit offenen Augen und Gehörgängen geboren, können ihrer Mutter bereits kurz nach der Geburt folgen.
Nesthocker, Nestlinge
werden sehr unreif, nackt, gehörlos und blind geboren, können ihre Körpertemperatur nicht regeln, wärmen sich gegenseitig, sind darauf eingestellt, stundenlang allein im Nest auszuharren.
Traglinge
können sich nur bedingt allein fortbewegen, ihr Entwicklungsstand entspricht dem eines Nestflüchters…ihr Beinskelett ist jedoch so beschaffen, dass die Handflächen und Fußsohlen in der Normalhaltung einander zugekehrt sind, so dass Finger und Zehen ins Fell des tragenden Elterntieres greifen können. Man unterscheidet aktive und passive Traglinge.
Das Menschenbaby passt weder in die Gruppe der Nesthocker, noch zu den Nestflüchtern.
Professor Hassenstein, Humanethologe, führte den Jungentypus Tragling 1992 ein.
Ihm zufolge wird der menschliche Säugling dem biologischen Typus „Aktiver Tragling“ zugeordnet:
Unsere Sinnesorgane sind nach der Geburt nur zum Teil ausgereift, die Körpertemperatur kann noch nicht selbst reguliert werden und es besteht nach der Geburt eine relative Hilflosigkeit.
Unsere Säuglinge verfügen aber über ähnliche aktive Mechanismen und körperliche Merkmale, um getragen zu werden, wie kleine Klammeräffchen:
- Greifreflex an Händen und Füßen (Palmarreflex)
- Umklammerungsreflex (Mororeflex)
- Anhock-Spreiz-Haltung
- Aktive Stabilisierung des (Hüft-)Sitzes durch Umfassen des Körpers des Tragenden mit den Oberschenkeln
- Kontaktweinen
FAZIT: Der Säugling ist ein aktiver Tragling
Bewegend von Anfang an
Schon im Mutterleib wird getragen. Diese „bewegende“ Erfahrung hat Einfluss auf die psychomotorische Entwicklung des Kindes. Das Kind nimmt Bewegungsreize über das Fruchtwasser wahr. Es entwickelt in dieser Phase bereits einen Sinn für Bewegung. Leichtes Schaukeln und Summen wirkt in den ersten Wochen beruhigend und entspannend auf das Kind
Hektische Bewegungen dagegen verunsichern es und bringen es zum Weinen. Das Tragen im Tuch knüpft an das Tragen im Mutterleib an. Es werden beruhigende Bewegungen bewusst erlebt.
Das Baby ist mit allen Sinnen dabei:
- Fühlen, hören, riechen, sehen,…ja auch schmecken
- Lageveränderungen spüren
- Stimme und den Herzschlag des Tragenden hören
- Geruch des Tragenden wahrnehmen
- Gesicht und Umgebung mit kleiner Distanz sehen
- Alle Sinnesreize, die das sich entwickelnde Kind empfängt, setzen sich durch das gesamte Nervensystem fort
- Das taktile System (Berührungsreize) und das Gleichgewichtssystem regen das Neuronenwachstum und damit die Gehirnentwicklung der Babys an
FAZIT: Das Wahrnehmen aller Sinnesreize regt die Entwicklung der Sinnessysteme im kindlichen Gehirn an
Anatomische Voraussetzungen
Unsere Muskeln und Knochen sind synergetisch miteinander verbunden. Das bedeutet, Muskelbelastung bedingt den Aufbau und die Festigung der Knochen. Im Tragetuch sind viele Muskeln aktiv und unterstützen daher das Skelettsystem, allem voran die Wirbelsäule.
Babys weisen eine sogenannte Tibiakrümmung am Schienbein von 18,5° auf, die sich bis zum Laufalter auf 0° reduziert. Die unreife Hüftpfanne unserer Säuglinge umgibt nur 2/5 der Oberfläche des Oberschenkelkopfes. Das birgt die Gefahr einer Hüftluxation bei einer bestehenden Hüftdysplasie. In entspannter Haltung ist der Oberschenkel eines Neugeborenen mindestens 95-110° angewinkelt und 45-60° abgespreizt. In diesem Winkel haben Hüftpfanne und Oberschenkel eine optimale Stellung, um ausreifen zu können.
Babys zeigen beim Tragen an den Füßen eine typische Steigbügelhaltung: Die Fußinnenfläche zeigt zum Tragenden, der Fuß stützt sich am Becken des Tragenden ab. Diese Stellung ist für das spätere Gehen und Abrollen des Fußes von Bedeutung und wird durch das Tragen gefördert.
Unsere Wirbelsäule besteht aus 24 freien Wirbelkörpern, die über 23 Bandscheiben beweglich verbunden sind, sowie aus 8 bis 10 Wirbeln, die zu Kreuz- und Steißbein verwachsen sind. Sie gliedert sich in 5 Abschnitte:
- Halswirbelsäule HWS
- Brustwirbelsäule BWS
- Lendenwirbelsäule LWS
- Kreuzbein
- Steißbein
Im Mutterleib hat das Kind eine zusammengerollte Haltung. Diese nennt sich Totalkyphose. Der runde Rücken des Neugeborenen bleibt in den ersten Monaten kyphotisch. Erlernt der Säugling den Unterarmstütz, entwickelt sich die Halslordose (HWS). Kann das Baby sitzen, entsteht die Brustkyphose (BWS). Erst wenn sich das Kind zum Stehen aufzieht, kann sich die Lendenlordose entwickeln (LWS).
In einer Langzeitstudie von E. Kirkilionis mit 190 getragenen Kindern konnten keine Nachweise für Schäden durch das Tragen erbracht werden (E. Kirkilionis 09/2013)
Wichtig ist es, dass du das Tuch so straff bindest, dass es den Rücken deines Kindes optimal unterstützt und es nicht im Tuch zusammensackt. Eine gute Anleitung für dich zum Binden ist daher äußerst wertvoll.
Auch für dich als Tragende/r selbst ist es wichtig, korrekt zu tragen, sonst leidet der Rücken mit der Folge von Rückenproblemen. Eine Tragehilfe sollte daher individuell an dich und deine Rückenanatomie angepasst werden. Das erklärt auch, dass nicht jede Tragehilfe für jederfrau/jedermann geeignet ist.
FAZIT: Tragen – eine kindgerechte und adäquate Prophylaxe vor Hüftdysplasie
Bindungsförderung
Bindung (engl.: attachment) ist die Bezeichnung für eine enge emotionale Beziehung zwischen Menschen. Das Neugeborene entwickelt eine spezielle Beziehung zu seinen Eltern oder anderen relevanten Bezugspersonen. Das Bindungsverhalten besteht aus verschiedenen beobachtbaren Verhaltensweisen wie Lächeln, Schreien, Festklammern, Zur-Mutter-Krabbeln, Suchen der Bezugsperson usw.
Bonding vereint den Prozess der biologischen Prägung und psychologischer Bindung – eine tiefe innere Verbundenheit entwickelt sich. Bonding findet in der sensiblen Phase nach der Geburt statt und wird allein durch die Sinnesorgane bestimmt. Eines der wichtigsten ist die Haut und somit der Körperkontakt. Je intensiver die Zuwendung der Bindungsperson, desto stärker der Bindungsprozess, das Bonden.
Damit sich dein Baby geborgen und sicher fühlen kann, benötigt es eine sichere Bindung zu dir oder einer anderen Bezugsperson. Der Aufbau einer sicheren Eltern-Kind-Bindung ist assoziiert mit der Feinfühligkeit von Mutter und Vater, mit einer adäquaten Beantwortung der kindlichen Bedürfnisse, mit liebevollem Umsorgen des Säuglings. Tragen intensiviert deshalb den Kontakt zu deinem Kind, und führt bei euch beiden – dir und deinem Kind – zu einer vermehrten Sekretion von Oxytocin, unserem Bindungshormon.
Die Nähe und Geborgenheit beim Tragen vermittelt deinem Säugling ein hohes Maß an Sicherheit und Geborgenheit. Diese Sicherheit stärkt das Urvertrauen sowie das Bindungsverhalten deines Kindes in dich oder die jeweilige Betreuungsperson. Dein getragenes Kind kann in einem Zustand absoluter Entspanntheit seine Umwelt wahrnehmen. Fühlt es sich von den vielen neuen Eindrücken überfordert, so hat es die Möglichkeit, sich im Tuch zurückzuziehen und einschlafen zu können, um die Erlebnisse zu verarbeiten.
FAZIT: Tragen verbindet
Was zeichnet eine gute Tragehilfe aus?
Die beste Trage ist die, die für dein Baby und dich am angenehmsten ist. Daher ist es wichtig, dass man die Körpergröße des Kindes und die Konfektionsgröße des Trägers beachtet.
Wenn zwei oder mehrere Menschen die Trage nutzen, ist es gut, wenn sie keine Schnallen hat, die man verstellen muss, sondern Bänder, die jeder einfach da knotet, wo es passt.
Wichtig: Es geht nicht um Perfektion, sondern um Alltagstauglichkeit
Diese Tipps möchte ich dir mitgeben:
- Du solltest die Traghilfe kaufen, die du auch wirklich nutzen möchtest!
- Ein Tuch passt sich gut an und kann auch zusätzlich als Wickelunterlage, Sonnenschutz oder Hängematte eingesetzt werden
- Die Trage ist schneller angelegt, hat evtl. eine Tasche mit dabei zum Verstauen wichtiger Utensilien und wird von Männern meist besser angenommen
- Einsatzfähigkeit – am besten von Geburt an
- Achte auf eine gute Ergonomie:
- Dein Kind sollte immer zu dir gewandt getragen werden und nicht hin zur bewegten Umwelt. Das führt rasch zur Reizüberflutung, der Rücken gelangt ins Hohlkreuz und die Hoden bei Jungs könnten überwärmen!
- Spreiz-Anhock-Stellung sollte bei deinem Kind möglich sein
- Eine Stütze von Kopf und Rücken sollte möglich sein
- Dein Kind sollte sehr nahe an deinem Körper tragbar sein
- Die „Kopf-Kuss-Höhe“ sollte beim Tragen eingehalten werden. Das bedeutet, wenn du dein Baby vor dir trägst, hast du die richtige Höhe, wenn du ihm beim Neigen deines Kopfes einen Kuss auf die Stirn geben kannst.
- Deine Traghilfe sollte ein Tragen vorne, seitlich und auf dem Rücken ermöglichen
- Das A&O: Die Tragehilfe muss komfortabel sein, also einfach angenehm zum Tragen sein (z.B. kein Einschneiden der Träger an den Schultern etc.)
- Achte beim Kauf einer Trage
- auf leichtes Handling und
- variable Größenverstellung.
- Achte beim Tuchkauf
- auf die korrekte Größe (Achtung elastische Tücher haben meist eine Einheitsgröße von 4,90-5,20m).
- Tücher mit Mittelmarkierung sind leichter handzuhaben – besonders am Anfang.
- Darauf kommt es beim Tuch an: diagonale Elastizität
- Achte auf eine hochwertige Qualität: das gilt für Tuch und Trage:
- Stoffe, die Festigkeit gewähren, rau und griffig, aber dennoch elastisch sind, haben sich bewährt.
- Achte auf hautfreundliche und atmungsaktive Materialien.
- Der Tuchstoff sollte ohne Stoffausrüstung (Silikone und andere Substanzen, die zur leichteren Verarbeitung beitragen) sein.
- Der Stoff sollte sich leicht reinigen lassen.
- Schadstofffreiheit ist wichtig, da der Babymund immer mit dem Stoff in Berührung kommt.
- Stoffe sollten generell mit Materialien aus kbA hergestellt werden
- Farben ohne Schwermetalle
- Zu guter Letzt muss dir natürlich auch das Design gefallen
Eine Überlegung wert ist auch der Kauf eines gebrauchten Tuchs. Dennoch solltest du auf die gerade genannten Eigenschaften achten.
Wie lang soll das Tragetuch sein?
- Für viele Bindetechniken benötigt man ein längeres Tuch
- Herstellungsbedingt sind viele Tücher länger als angegeben und laufen beim ersten Waschen ein
- Die optimale Länge eines gewebten Tuchs wird durch die Bindetechniken und die Konfektionsgröße bestimmt

Wie finde ich meine „richtige“ Trage?
Ganz einfach, indem du verschiedene Tragehilfen testest – am besten in einem Fachgeschäft, denn dort erhältst du gleich eine sachkundige Einweisung mit vielen Tipps und Tricks.
Und du wirst rasch als FAZIT erkennen…
Es gibt nicht DIE perfekte Tragehilfe.
Es gibt nicht DIE beste Tragevariante.
Es gibt nur die für jeden individuell BESTE Tragehilfe.
Was gilt es noch zu beachten?
- Wenn du dich für ein Tuch als Tragehilfe entscheidest, solltest du dich an eine professionelle Trageberaterin wenden, um die Bindetechniken korrekt erlernen zu können. Das funktioniert auch online gut, aber nicht allein. Schau auf unserer Homepage, wer dich begleiten kann.
Noch einmal, das Kind muss durch das Tuch Stabilität erhalten, sonst sackt es in sich zusammen und wirkt sich negativ auf die Rückenentwicklung aus. - Schläft dein Kind im Tuch ein, zieh ihm nur eine Tuchbahn über den Kopf (keine zwei!)
- Trage dein Baby im ersten Lebensjahr im Winter unter der Jacke, um Auskühlung zu vermeiden
- Die Jacke sollte aus sauerstoffdurchlässigem Material bestehen und sie sollte nicht höher als bis zum Nacken des Kindes hochgezogen werden
- Hände und Füße/Beine müssen vor Auskühlung geschützt werden
- Kinder vor Sonneneinstrahlung durch geeignete Kopfbedeckung schützen. Zudem Sonnenschutzmittel auf Gesicht, Hände und Füße (falls nackt) auftragen
Und zum guten Schluss…
…wünsche ich euch viel Freude beim Tragen und deinem Baby ein gutes Ankommen auf unserer Erdenwelt.